Starkregen und Hochwasser – Ein persönlicher Bericht

Sei gegrüßt.

Ich halte normalerweise nichts davon, Tage als die besten oder schlechtesten meines Lebens zu bezeichnen – wer weiß schon was noch kommt – aber letzte Woche Mittwoch und Donnerstag dürften es doch recht weit nach oben in meiner Rangliste der schlechten Tage schaffen. Mittwoch letzte Woche, das war der Tag des verheerenden Hochwassers im Süden von NRW und Norden von RLP. Genau da wohne ich. Im Süden von NRW, unweit der Grenze zu RLP.

Der Anfang: Es hört ja gar nicht mehr auf zu regnen.

Mittwoch war ich ganz normal arbeiten. Ja, es regnete die ganze Zeit und definitiv auch nicht wenig, aber im Großen und Ganzen war es ein normaler Tag. Der Chef hatte einen Vertretertermin im Besprechungsraum im Keller, ich war oben im Laden und habe meinen Job gemacht.
Gegen späten Nachmittag habe ich Ware verräumt und wunderte mich über das laute Tropfgeräusch. Das konnte doch nicht draußen sein, dafür war es viel zu deutlich durch den Regen zu hören… Tja, war es auch nicht. Es hat reingeregnet. Hab den Chef hoch gerufen und wir haben alles soweit gesichert, wie es eben spontan möglich war.

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Nach dem Vertretertermin haben wir – zusammen mit dem wirklich netten Verlagsvertreter – die Bank abgebaut, auf die es tropfte und das Regal nebenan auch sicherheitshalber noch leer geräumt. Dann wollte ich Feierabend machen und nach Hause fahren, aber meine Bahn App sagte mir, dass die Züge auf meiner Strecke aufgrund eines Unwetterschadens bis auf weiteres nicht fahren. Der immer noch anwesende Verlagsvertreter bot mir an, mich nach Köln mitzunehmen, was ich dankend angenommen habe.

Bis hierhin dachte ich noch der Regen in der Buchhandlung und der Umweg über Köln würden mir den Tag versauen. So kann man sich irren…

Meine Odyssee und die Lage zu Hause

Von Köln aus ging es mit dem Schienenersatzverkehr – der ist da aktuell aufgrund einer Baustelle regulär unterwegs – weiter Richtung zuhause. In Euskirchen – rund 25km von zuhause entfernt – endete meine Heimreise dann abrupt.
Es fuhren keine Züge mehr und das mit den Taxen als Ersatz funktionierte auch nicht so richtig. Außerdem flehte mein Mann mich am Telefon an, in Euskirchen zu bleiben, mir ein Hotel zu nehmen. Die Lage bei uns zu Hause verschlechterte sich derweil nämlich immer mehr.
Eher widerwillig folgte ich dem Wunsch meines Mannes und bezog ein Zimmer im Park Hotel. Schweine teuer der Laden, dafür aber wirklich hübsche Zimmer. Ich konnte das Ganze aufgrund der Situation aber kaum würdigen, geschweige denn genießen. Wie auch, wenn man regelmäßig Fotos mit steigendem Wasser geschickt bekommt und hilflos woanders gestrandet ist?

Das Wasser reicht bis zum Fenster im Erdgeschoss

Blick aus dem Fenster im Erdgeschoss. 14.07.21 – 21:26 Uhr

Wasser steht ca. 30 cm hoch im Erdgeschoss

Eingangsbereich des Hauses. Mi 14.07.21 – 21:46 Uhr

Kurz nach 22 Uhr habe ich dann das letzte Mal etwas von meinem Mann gehört. Da aber auch in Euskirchen um 20 vor 11 etwa Strom und Mobilnetz ausfielen, hoffte ich, dass ich deswegen nichts mehr hörte – was sich im Nachhinein auch bestätigt hat.
Da ich sowieso nichts ausrichten konnte, bin ich schließlich ins Bett gegangen und irgendwann erschöpft eingeschlafen.

Der nächste Morgen: Dystopie in echt

Am nächsten Morgen musste ich feststellen: immer noch kein Strom. Netz ebenfalls Fehlanzeige.
Gut, ab zum Bahnhof und dort die Lage checken. Ernüchterndes Ergebnis: Keine Züge oder Busse, den ganzen Tag lang nicht. Noch immer wusste ich nicht, wie schlimm es wirklich geworden war. Abends hatte es in Euskirchen sogar aufgehört zu regnen, das Hotel war warm und sicher. Aber ein kurzer Abstecher in die Fußgängerzone zeigte mir dann einen kleinen Vorgeschmack und ließ mich schlimmes für zuhause ahnen, wo das Wasser abends ja bereits recht hoch gewesen war.

LKW auf überfluteter Straße

Straße am Rand der Fußgängerzone in Euskirchen. Do 15.07.21 – 9:04 Uhr

Überflutete Straße mit angespülten Autos

Euskirchen Donnerstagmorgen. 15.07.21 – 9:04 Uhr

Die Ungewissheit machte mich wahnsinnig, also habe ich mit dem festen Entschluss nach hause zu laufen aus gecheckt. Ich war wirklich fest entschlossen – und wenn ich hätte schwimmen müssen – allerdings habe ich leider die Orientierung eines Toastbrotes und bin ohne Google Maps daher etwa eine Stunde durch Euskirchen geirrt, bis ich eine Stelle gefunden habe, von wo aus ich den Weg theoretisch kenne. Leider führte dieser Weg über die Autobahn und da wollte ich dann doch nicht langlaufen. Also habe ich meinen Plan geändert. An einer Tankstelle am Ortsausgang habe ich Leute angesprochen, in der Hoffnung jemand könne mich Richtung zuhause mitnehmen.

Zunehmend verzweifelt habe ich dann doch bei meinen Eltern angerufen. Eigentlich wollte ich das nicht, da ich nicht wollte, dass sich jemand bei ggf. noch überfluteten Straßen verpflichtet fühlt zu fahren und sich in Gefahr zu begeben. Mein Vater kam mich dann aber abholen – und in der Wartezeit erreichte ich auch meinen Mann endlich wieder!
Ihm ging es gut, unsere Wohnung ist trocken geblieben. Das Wasser stoppte etwa 30 cm unter unserem Balkon. In der Wohnung unter uns stand das Wasser gut 2 Meter hoch. Die Mutter unserer Vermieterin wohnt dort. Die Dame hat sich mit ihrer Tochter, die zu Besuch war zu meinem Mann nach oben gerettet.

Wasserstand Donnerstag morgen

Das Wasser zieht sich langsam zurück. 15.07.21 – 5:13 Uhr

Zuhause oder nicht zuhause, das ist hier die Frage

Mein Vater sammelte mich also an der Tankstelle in Euskirchen ein und fuhr mich nach Hause. Unterwegs meldete sich dann mein Mann aber wieder und sagt, alle sollen sofort höhere Gebiete aufsuchen, eine Talsperre sei gerissen. Wir sollten nicht bis zu unserer Wohnung kommen, er käme uns entgegen.
Er hat also unsere Unterlagen (Versicherungen, Verträge und so ein Kram) so wie ein paar Klamotten von uns beiden geschnappt und ist los gelaufen, den Berg hoch, mir und meinem Vater entgegen.
Sobald ich ihn entdeckte und mein Vater rechts ran gefahren war, sprang ich aus dem Auto und rannte meinem Mann entgegen. Einfach nur froh, wieder beieinander und unverletzt zu sein, haben wir alles eingeladen und sind mit zu meinen Eltern gefahren.

Noch unterwegs erhielten wir allerdings einen Anruf von unserem Vermieter, dass es sich bei der Sache mit der Talsperre um einen Fehlalarm handelte.

Wasser zieht sich zurück Erste Verwüstungen werden deutlich

Die ersten Verwüstungen werden deutlich. In der Buchhandlung gegenüber haben sich Holz und ein Auto verfangen. 15.07.21 – 6:08 Uhr

Für uns bedeutete das in erster Linie, dass wir nochmal in die Wohnung konnten, um Dinge zu holen, die wir retten wollten, falls das haus doch noch – wie auch bereits vermutet – unterspült worden war.

Und jetzt?!

Das Haus steht noch und kann betreten werden. Wir haben unsere Wohnung weitgehend geräumt und sind erstmal bei unseren Eltern untergekommen. Wir werden uns auf die Suche nach einer neuen Wohnung machen. Wollten wir eigentlich schon länger, weil die Arbeitswege so lang sind, aber jetzt gibt es noch viel mehr Grund.
Aktuell haben wir keine Heizung. Strom ist auch eher schwierig. Außerdem sind die Bahnstrecken Richtung Köln und Trier sehr stark beschädigt. Wir kommen also ohne Auto nicht mehr weg – auch nicht zur Arbeit – und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.

Wir sind einfach nur unfassbar froh, dass uns nichts passiert ist. Wir haben so viel Glück gehabt.
Viele Menschen haben alles verloren. Das Ausmaß dieser Katastrophe ist immer noch völlig surreal für mich. Immer wieder kämpfe ich mit den Tränen, wenn ich an an die Verwüstungen in meiner Heimat und an die Schicksale der Menschen denke. Dieses Ereignis wird mir noch lange nachhängen – und sollte es auch.

Fehlender Gehweg

Freitag 16.07.21

Zerstörter Gehweg

Das volle Ausmaß der Zerstörung wird erst nach und nach deutlich. – 18.07.21

Es muss sich endlich etwas tun in Richtung Klimaschutz. Hier wird es seeehr selten politisch, aber heute kann ich nicht anders: Im Herbst sind Bundestagswahlen, bitte denk darüber nach, für wen du deine Stimme abgibst. Ich möchte keine Partei-Empfehlung aussprechen oder ähnliches, aber es lässt sich schnell herausfinden welche Partei den Klimaschutz eher stiefmütterlich behandelt – selbst jetzt noch, nach dieser Katastrophe.

Und wenn du kurzfristig helfen möchtest: Es gibt aktuell einige Organisationen, die gezielt Geld für Überflutungsopfer sammeln.
Persönlich halte ich „Aktion Deutschland hilft“ für vertrauenswürdig und besonders zielgerichtet. Aber ich weiß auch von Tageszeitungen, die eigenen Aktionen gestartet haben. Suche dir einfach das aus, was dir am meisten zusagt und am vertrauenswürdigsten erscheint. Jeder Euro hilft!

Deine
Marina
(DarkFairy)

______
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2 Comments

  1. Ping von wortmagieblog:

    Hallo meine Liebe,

    ich habe letzte Woche viel an euch gedacht. Ich bin unfassbar froh, dass es euch gut geht und ihr unverletzt geblieben seid (Ich hoffe, inkl. der GANZEN Familie?). Ich weiß eigentlich gar nicht so richtig, was ich zu dieser Katastrophe sagen soll, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie ihr euch jetzt fühlt. Ihr und alle Menschen, die betroffen sind. Es ist schrecklich.

    Abgesehen von einer Spende, die ich bereits losgeschickt habe, was wird sonst gebraucht? Was braucht ihr beide aktuell ganz konkret? Und wie sieht es aus mit der Kommunikation? Kann ich dir Nachrichten schreiben oder ist das gerade ungünstig, aufgrund der unsicheren Versorgungslage mit Strom?
    Sag mir gern einfach, was benötigt wird, wie ich euch am besten erreiche, kurz, wie ich euch helfen kann. Egal, was es ist, ich setze alle Hebel in Bewegung, damit ihr was auch immer bekommt. Gilt auch für eure Familien. Ich unterstütze, wo ich kann. Was ist mit helfenden Händen? Soll ich mir ein Zugticket buchen und mit anpacken?

    Ich schicke diese Nachricht auch noch mal als E-Mail, damit sie dich auf jeden Fall erreicht.
    Melde dich, sobald du kannst.
    Ganz liebe Grüße und fühlt euch gedrückt,
    Elli

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