Wenn schon beim Einkauf für die 1. Klasse, die Chancengleichheit stolpert…
Sei gegrüßt.
Es heißt ja immer so schön in Deutschland herrsche Chancengleichheit. Dass das so sein sollte, aber leider nicht immer so ist, sollte bekannt sein. Ich bin kürzlich in eine Situation geraten, wo ich miterleben konnte, wie sich schon beim Einkauf für den Schulstart die unterschiedlichen Startpositionen zeigten – und alles daran macht mich wütend.
Wovon wir hier sprechen
Aber von vorne: Chancengleichheit? Was meine ich damit? Naja, so ziemlich das, was in Artikel 3 Absatz 3 des deutschen Grundgesetzes und in den Menschenrechten festgelegt ist:
Chancengleichheit bezeichnet in modernen Gesellschaften das Recht auf einen gleichen Zugang zu Lebenschancen. Dazu gehört insbesondere das Verbot von Diskriminierung beispielsweise aufgrund des Geschlechtes, des Alters, der Religion, der kulturellen Zugehörigkeit, einer Behinderung oder der sozialen Herkunft, das in den Menschenrechten festgeschrieben ist.
– wikipedia.de > Chancengleichheit (Stand: 12.08.25, 8:24 Uhr)
Das Problem bei der Sache ist, dass ja nicht erst direkte Diskriminierung Chancengleichheit verhindert. Das Ganze beginnt ja viel subtiler, manchmal gar nicht direkt erkennbar, aber eben doch vorhanden…
Letztens im TEDi…
Ich war also vor Kurzem im TEDi. Eigentlich hatte ich schon bezahlt und wollte gehen, als ich mitbekam, dass eine Frau den Kassierer um Hilfe bat, da sie eine Liste von der Schule hatte, diese aber nicht gut lesen könne. Der Kassierer konnte natürlich nicht weg und die Kollegin war nicht auffindbar, also habe ich der Dame meine Hilfe angeboten.
Ich kann mir vorstellen, dass es einiges an Überwindung braucht, nach Hilfe zu fragen, weil man die Liste nicht lesen kann. Generell ist es nicht immer leicht nach Hilfe zu fragen. Dafür meinen absoluten Respekt.
Wir gingen also zusammen zurück in die Schreibwarenabteilung und dort traf ich auf noch mehr Familienmitglieder. Ich habe mir die Liste angeschaut und einfach oben angefangen. Schnell war klar, einiges war schon vorhanden. Wir wurschtelten uns also gemeinsam durch den Rest, bis wir dann vor Ort nicht weiter kamen. Ich gab noch einen Tipp, wo man den Rest vielleicht finden könne, wünschte trotz nerviger Liste viel Spaß beim Schulanfang und ging meiner Wege.
Die Liste
Was mir keine Ruhe lässt, ist die Liste, die da Eltern vorm Schulstart ausgehändigt wird. Fast eine ganze DIN A4 Seite mit Dingen die besorgt werden müssen. Dabei so inkonsistent wie nur was.
Da waren Punkte auf der Liste wie „Malblock DIN A4 (100 weiße Blätter)“. Okay, ein Block mit nur 80 Blättern geht also nicht?! Aber auf der anderen Seite dann sowas wie „Wachsstifte“. Aha. Da reichen dann wohl zwei, weil das ist die Mindestanzahl für die Verwendung der Pluralform – ich fürchte aber, die Schule würde das anders sehen. Zwei reichen vermutlich nicht.
Da gab es aber noch mehr Punkte. Hier nur ein paar weitere Beispiele:
- „Buntstifte in allen Farben“ – Wirklich? In allen? Sicher, dass das die gewünscht Anzahl ist?
- „Dokumentenmappe A4 mit Klettverschluss“ – Ich hoffe inständig, dass die mit Druckknopf, die ich der Familie herausgesucht habe, auch okay ist…
- Schreibheft Din A4, Lineatur 1, mit dem „Dach“ (oder „Häuschen“) am Anfang der Zeile – Ich bin ja wirklich keine absolute Anfängerin, was Lineaturen anbelangt. Lineatur 1 steht ja auf dem Heft drauf. Ist zum Schreibenlernen. Fein. Aber dieser Nachsatz?! Ich weiß beim besten Willen nicht, was mit dem „Dach“ (oder „Häuschen“ – ich weiß es echt nicht mehr, was da genau stand) auf sich haben soll…
Wo ist das Problem?
Die Problematik beginnt nun eben bei finanziell schwächeren Familien oder Familien mit Migrationshintergrund.
Wenn ich, die hier in Deutschland aufgewachsen ist, 13 Jahre Schule hinter sich hat und mal eine Zeit lang als Lehrerin gearbeitet hat, keine Ahnung habe, was diese Angabe beim Schreibheft bedeuten soll, wo nach ich suchen soll, wie sollen das dann Eltern wissen, die aus einem anderen Land stammen und vielleicht noch keine anderen Kinder hier in der Schule hatten?
Oder schon allein diese ganzen „DIN A irgendwas“-Angaben. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass die DIN-Normen, auch wenn es ein internationales Pendant dazu gibt (heißt dann nicht DIN sondern ISO), in anderen Ländern im Alltag vielleicht nicht die Bedeutung haben, die sie hier haben. Ich mag vielleicht falsch liegen, aber ich habe live miterleben können, dass die Angabe DIN A6 für eine Familie mit Migrationshintergrund absolut nicht hilfreich war.
Um fair zu sein: Die DIN Angabe steht in der Regel vorne auf einem Heft oder Block drauf. Die Lineatur auch meist noch, aber bei seltsamen Ergänzungen mit Häusern und Dächern hört es dann auch wieder auf. Mensch hätte doch einfach mal ein Bild einer Zeiler der gewünschten Lineatur einfügen können. Dann könnte jede*r einfach mit der Abbildung vergleichen, ob das passt. Oder aber die Schule bzw. der Förderverein besorgt gebündelt das, was benötigt wird, wenn es wirklich so wichtig ist, welche Ausführung vorliegt.
Weiter geht es mit den Schnellheftern. Bitte so und so viele in unterschiedlichen Farben. Wäre ja alles easy, wenn es dann nicht bestimmte Farben sein müssten, die in so ’ner Standard-Kombipackung aus der Diskounter-Schulstart-Aktion gar nicht drin sind. Eltern sind dadurch gezwungen, die Schnellhefter einzeln zu kaufen. Einzeln gibt es die in der Regel eher etwas teurer, als im Kombipack. Ja, das mag erstmal nicht nach viel klingen, aber es gibt genügend Familien in Deutschland, für die sind ein paar Euro durchaus entscheidend.
Mal ganz abgesehen übrigens von farbenblinden Kindern. Mein Mann meinte die festgelegten Farben seien sicher, damit die Lehrperson direkt sehen kann, ob alle Kinder die richtige Mappe rausgeholt haben. Ist sicher auch nicht entmutigend, wenn ein und das selbe Kinder immer einen drüber kriegt, weil es die Farben vielleicht einfach nicht unterscheiden kann.
Auch hier fallen mir Alternativen ein: Mit den Kindern ein eindeutiges Deckblatt gestalten – z.B. „1+1“ für Mathe, „ABC“ für Deutsch usw. – und dann sagen: „Bitte alle einmal die „1+1″ Mappe rausholen und hoch halten.“
Eigene Privilegien hin und wieder bewusst machen
Mir hat dieses Erlebnis mal wieder vor Augen geführt, wie privilegiert ich aufwachsen durfte und welche Privilegien ich heute noch genieße. Es tut mir im Herzen weh und macht mich vor allem unfassbar wütend, dass das „Privilegien“ sind. Das nicht jeder Mensch diese Position inne hat.
Es sollte für jede*n nicht ausschlaggebend sein, ob er/sie im Zweifelsfall einen Schnellhefter neu kaufen muss. Menschen sollten nicht schon mit dem Einkauf für die erste Klasse überfordert sein müssen. Kindern sollten die gleichen (Start-)Chancen gewährt werden. Wer schon mit Nachteilen starten muss – aus welchen Gründen auch immer – hat es natürlich nur noch schwerer diese aufzuholen und nicht weiter anzuhäufen.
Bevor ich schließe, möchte ich es zur Sicherheit noch einmal in aller Deutlichkeit sagen: Den Familien, seien es solche mit geringen finanziellen Mitteln, solche mit Sprachbarriere oder solche mit kulturellen Unterschieden, mache ich hier in keiner Weise einen Vorwurf. Ich sehe die Verantwortung für die Probleme, die sich mir hier nur im Kleinen gezeigt haben, bei den Schulen, uns als Gesellschaft und ganz besonders bei der Politik. Integration und Chancengleichheit können nur funktionieren, wenn sie nicht nur aus einer Richtung angestrebt werden. Gleiche Chancen müssen strukturell geschaffen werden und sich nicht erarbeitet werden.
Deine
Marina
(DarkFairy)


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